Rechnet sich Social Media Content?

Journalisten sollen heutzutage denken wie Entrepreneurs. Bildungs- und Kultureinrichtungen werden immer stärker an marktwirtschaftlichen Kritierien gemessen. Alles muss sich irgendwie immer rechnen, d.h. direkt  in monetären Werten darstellbar sein. Ob im DAX-Unternehmen oder in der Redaktion. Grundsätzlich ein wichtiger Ansatz für effizientes Arbeiten auch in immateriellen Branchen. Aber so wie sich Wertevorstellungen verschieben, verschieben sich dabei auch inhaltliche Ansprüche. Genau deshalb sind die neuen Kommunikations- und Informationskanäle, die das Social Web heute bietet, häufig Aufgaben für Praktikanten und Volontäre oder laufen nebenbei. Ohne das Bewusstsein, was mit Informationen in den digitalen Kanälen bei strategischer Planung und Einbindung in den vorhandenen Workflow wirklich erreicht werden kann. Es sei denn, der immaterielle Wert wurde bereits erkannt.

Martin Otto-Hörbrand
Linden-Museum Stuttgart
Öffentlichkeitsarbeit / P.R.

Ausschnitt aus einem Interview am 18. September 2012
zur aktuellen Ausstellung “Maori – Die ersten Bewohner Neuseelands”

Wie aber berechnet man nun den vom Museumssprecher Martin Otto-Hörbrandt beispielhaft dargestellten Gewinn an Wissen, Aufmerksamkeit und Nebeneffekten einer großen Ausstellung. Allein in Besucherzahlen, die mit mehr als 33 000 beachtlich waren? Oder ist es nicht eher der immaterielle Zusatzgewinn für Museum und die weltweite Community wichtiger und den Social Media Content auch ohne Rendite wert? Sammeln, bewahren und informieren – das sind die klassischen Aufgaben eines Museums. Werteorientierung statt Gewinnorientierung. Schon immer musste sich eine Stadt, ein Land oder private Sponsoren sich ein Museum leisten wollen. Als kultur- und sinnstiftende Kapitalanlage ohne Gewinnaussichten. Schon immer haben auch Journalisten mit ihren Recherchen nie Gewinne erzielen, sondern Informationen generieren wollen. Aber ob diese auch weiterhin nur in den klassischen Kanälen allein verbreitet werden können und sollen, ist mittlerweile fraglich.

“70 Prozent der deutschen Onliner nutzen Social-Media-Angebote, so ein Ergebnis der Studie “Social-Media-Atlas 2012″ von Fakenkontor. Wenig überraschend; Facebook ist die beliebteste Social-Media-Seite in Deutschland. Ähnlich populär ist nur noch YouTube….” war am 21. September 2012 bei statista (deutscher Partner von Nielsen) zu lesen. Die Befragung von 2450 Social Media Nutzern im Sommer 2012 brachte 89% Facebook und 84% YouTube als Spitzenwerte.

Gut einen Monat später ist bei marketing-boerse.de zu lesen, wie wenig Marketing-Experten bislang auf die Möglichkeiten der Social Media setzen.
„Von Marketiers wird heute erwartet, dass sie soziale Medien nutzen, um die Bekanntheit von Unternehmen oder Marken zu fördern. Im Bereich Lead-Generierung ist die Integration sozialer Medien in den Gesamtprozess für viele von ihnen jedoch noch immer ein Rätsel. Obwohl Marketingexperten in Deutschland damit etwas versäumen, lautet die gute Nachricht, dass es heute Werkzeuge und Technologien gibt, mit denen man potenzielle Kunden bei jedem Schritt auf dem Weg zum Kauf in sozialen Medien ansprechen und einbinden kann.“

So wie auf vielen kostenpflichtigen Social Media Konferenzen, Summits und Mediacamps über die monetären Werte von Social Media Content diskutiert wurde und wird, so disktuierte man auch heute vormittag beim Online Forum für Kulturmanager im deutschsprachigen Raum über dieses Thema. Entsprechend der klassischen Grundprinzipien im Social Web haben Referenten und Moderatoren ihr Wissen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Niemand musste eine Eintrittsgebühr zahlen, um die Adobe Conference besuchen zu können. Niemand muss bezahlen, wenn er/sie – wie wie ich es tat – nachträglich die Aufzeichnung  anschaute. Niemand muss durch eine Paywall, um die Folien des Referenten zu lesen, mit anderen zu teilen oder auf dem eigenen Rechner zu speichern. Niemand stellt hier die Frage: Rechnet sich das? Klar ist, die gemeinsame Online-Runde von Referenten, Moderatoren und Zuhörern schafft Wissensgewinn für alle, neue Kontakte und Vernetzungen. Nichts, was man direkt rechnen kann oder will. Die Wirkung wird auch nie endgültig messbar sein. Aber auf Folie 19 von Christian Henner-Fehr ist der wahre Wert von Social Media im Journalismus genauso wie für Kultureinrichtungen genauso wie für alle Unternehmen in vier zeitgemäßen, neudeutschen Kernpunkten zusammengefasst: Crowdsourcing – Mit den Stakeholdern auf Augenhöhe bleiben – Echtzeit-Marktanalye – Markenbildung & – pflege, Issuemanagement.

Seitdem die digitale Revolution alles in Algorithmen messbar gemacht hat, muss alles sofort messbar sein. Wer wäre früher auf die Idee gekommen, nach der Wirkung eines Artikels so vehement in Zahlen und Prozenten zu fragen? Wer wäre früher auf die Idee gekommen, dass sich die Wirkung eines Plakates an einer Bushaltestelle direkt in messbaren Verkaufszahlen widerspiegelt? Und warum soll heute alles 99% erreichen, wenn es bislang eher ein Nischenprodukt war und damit ausreichend Gewinn erzielt werden konnte? Genau dieser gedankliche Ansatz verhindert die verstärkte Nutzung von positiven Apsekten der Social Media für Wissensgewinn, Informationsvervielfältigung und Publikumsbindung.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*

Vorheriger Artikel: