Das Medium Buch 2016

 

 

Fokus Crossmedia am Eröffnungstag der Lepziger Buchmesse

Das Schönste kam überraschend gegen 17.30 Uhr und stand nicht im Messeprogramm :): ein Lichtfeuerwerk der untergehenden Abendsonne durchflutet die Glashalle, wo die gesamte Messelandschaft mit Medienbühnen und -studios beginnt. Die offizielle Verleihung der wichtigsten Preise der Leipziger Buchmesse ist gerade beendet und wird vom ZDF auf dem „Blauen Sofa“ nochmals für das Messe-Publikum in Interviews mit den Preisträgern präsentiert. 

Parallel dazu diskutiert die Journalistin Karin Fischer in der Livesendung „Kultur heute“ beim Deutschlandfunk die Bedeutung von Büchern auch für den Nachwuchs. „Das Publikum sei in diesem Jahr sehr viel jünger geworden“, resümiert Oliver Zille, der Chef der Leipziger Buchmesse, am Ende des 1. Messetages. Allen düsteren Zukunftsprognosen der vergangenen Jahre zum Trotz – die Digitalisierung im Mediengesellschaft tut dem Interesse am Medium Buch ganz offensichtlich keinen Abbruch. Oder entsteht dieser Eindruck am Eröffnungstag einfach durch die vielen Schulklassen, die die Leipziger Buchmesse als Pflichtprogramm besuchen müssen? Die Begeisterung hält sich bei einigen Schülern durchaus in Grenzen … ganz im Gegenteil zu den vielen Fantasy Fans.

DLR zur Leipziger Buchmesse 2016

Die Buchmesse als Event für digital natives

„Hier ist gerade die Leipziger Buchmesse“, spricht die junge Frau mit den lila gefärbten Haaren mehrfach in ihr Smartphone. … die 24jährige sitzt mit ihren Freundinnen fernab der Radio- und Fernsehbühnen direkt am Eingang der Glashalle. Alle vier sind erschöpfte Fantasy Fans und haben mit der literarischen Welt rund um die Buchpreisträger soviel zu tun wie ein modebegeisterter Teenager mit der Mode einer Pariser Fashion Week. Im Fokus der vier Frauen aus Würzburg war die „Leseinsel Fantasy“ in Halle 2, aber auch die Halle 1 mit den Manga Comics haben sie gesehen. Facebook hilft ihnen, sich im Messe-Rummel mit Gleichgesinnten aus ganz Deutschland zu verabreden. Um gegenseitig die selbstgefertigen Kostümierungen zu würdigen, gemeinsam zu posen und zu chillen. Das aktuell gehypte Snapchat spielt hier kaum eine Rolle. „Dafür sind wir schon zu alt. Das ist eher was für die 14, 15jährigen“. Instagram und WhatsApp sind perfekt, um die persönlichen Messe-Highlights sofort nach Hause zu vermelden. Gerade weil sie als digital natives ständig online sind (und sein müssen), bekommt solch ein „echtes“ Event noch mehr Bedeutung. 

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Traditionsmedium Buch als technologische Spielwiese

Technologisch ist heute rund um das Buch fast alles ausgelotet, was im Multichannel Publishing sinnvoll erscheint. Als die ersten Hörbücher auf Schallplatte gepresst wurden, war das Wort Crossmedia noch nicht einmal geboren. Wenn man sich heute die große Messe Show rund um die Hörbücher auf CD durchhören wollte, hätte man bis zum Ende des Jahres wohl keine Langeweile mehr. Die Vertonung der gedruckten Werke mit prominenten Stimmen gehört längst zum Standard auf dem übersättigten Buchmarkt, ohne dass in diesem Zusammenhang der Begriff „Crossmedia“ fallen würde. Mit diesem englischen Synonym verbindet sich primär die Assoziation an alles, was digital ist.

Mitte bis Ende der 1990er Jahre lösten die ersten E-Books eine Art Goldgräberstimmung auf dem Buchmarkt aus. Heute kann der geneigte Leser nicht nur zwischen Buch und E-Book wählen, sondern muss zudem selbst entscheiden, welcher E-Book Reader am besten zu den persönlichen Lesepräferenzen passt. Aber wer den Marktführer Kindle von Amazon wählt, hat eine Woche Lesevergnügen ohne Gewicht dabei. Solange hält das Akku selbst bei Powerlesern, verspricht der Promoter am Messestand. 

TipToi

Für alle Generationen, die jetzt digital aufwachsen, gibt es zahlreiche Kombinationen von Buch und Spiel. Und so ist es nicht verwunderlich, dass nach den elektronischen Büchern nun Verlagsangebote mit Augmented Reality Option modern werden – Metabuch nennt die KIDS interactive GmbH aus Erfurt ihre technologischen Zusatzfunktionen zum klasischen Buch, die mit einer App aktiviert werden können, von der Erkläranimation über interaktive Welten und Business-Englisch Audios bis zur pulsierdenden Lunge als klassisches 3D Objekt.

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Spiegelbild der digitalen Mediengesellschaft 2016

Nach diesem Eröffnungstag auf der Leipziger Buchmesse 2016 steht fest: Content Shock ist auch auf dem literarischen Markt nicht fehl am Platze und das Fernsehen dominiert weiterhin als Leitmedium der Informationsgesellschaft, selbst wenn nur die öffentlich-rechtlichen Sender in großem Stil präsent sind. Weder die zahlreichen VJs mit den DSLR Kameras noch YouTuber könnten da wirklich mithalten. Alle Kultursendungen widmen dem Buch als Synonym der Hochkultur eine Spezialausgabe. 

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Nichtsdestotrotz sind die Symbole der interaktiven Mediengesellschaft nirgendwo zu übersehen – Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, WhatsApp und auch Snapchat sind längst Pflichtprogramm im Buchmarketing. Zahlreiche Veranstaltungen zu YouTube für Autoren oder allgemeinem Social Media Marketing sind der beste Beweis dafür. 

Social Media für Autoren

Trotzdem können die sozialen Medien niemals das Live-Erlebnis, die klassische Lesung, ersetzen. Eine Zielgruppen-Analyse via Social Media Monitoring oder Google Analytics erübrigt sich sehr schnell, wenn die Autoren ihr Publikum an den Lesebühnen versammeln. Bei Christian Bremer mit seinem Ratgeber „Gelassenheit gewinnt“ liegt der Altersdurchschnitt bei 40+, vorwiegend weiblich und ein Querschnitt der bürgerlichen Mitte. Sein „Leitfaden für Ruhe, Glück und Erfolg“ trifft natürlich den Nerv der Leistungsgesellschaft, in der Stress, mentale Erschöpfung und psychische Krisen zunehmen. Dreißig Minuten propagiert der versierte Vortragsredner sein Grundsatzprogramm für mehr mentale Stärke … immer mit dem Hinweis „Kaufen Sie dieses Buch“. Gut vorlesen kann er nicht, sagt der Anti-Stress-Trainer von sich selbst und redet lieber frei. Um dann am Ende jedem Besucher noch ein Smiley mitzugeben „Nicht für andere, nur für Sie selbst“ – eine gefaltete Postkarte mit den wichtigsten Angaben mit Werbung für den Vertragsredner Christian Bremer und seine Webseite. Crossmedia kann so simpel wirkungsvoll sein, wenn man nicht ausgetretenen Pfaden folgt. Die Facebook-Seite des Schriftstellers beginnt und endet 2014, mit 371 Fans ein Beweis dafür, dass Facebook nicht zur Zielgruppe von einem Coach passt, der sich lieber live oder in seinen Büchern präsentiert. Auch die Aufrufe seines YouTube Channels haben weniger Bedeutung als die Signierstunde der halben Stunde auf der Buchmesse. 

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